Spiel mit Zahlen

Rechtsdrift, Rechtsabrutsch, Rechtsruck. Um Deutschlands Jugend steht es schlecht. Zumindest wenn man der aktuellen Studie des Innenministeriums und des KFN Glauben schenken mag.
Demnach sind 14,4% der deutschen Jugendlichen ausländerfeindlich, 5,2% rechtsextrem und 4,3% stark antisemitisch. Auch der Rest hegt nur allzu oft Sympathien für derartige Einstellungen. So stimmen 64,5% der deutschen Jugend der Aussage voll oder eher zu, “in Deutschland gäbe es zu viele Ausländer”. Fast 40% halten die Mehrzahl der Ausländer für kriminell, 45% empfinden sie nicht als kulturelle Bereicherung.
Auf Seite 122 des Berichts heißt es gar: “Mit 48,9% ist fast die Hälfte der befragten deutschen Jugendlichen nicht ausländerfeindlich eingestellt und zeigt kein rechtsextremes Verhalten”. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Über die Hälfte der deutschen Jugendlichen ist ausländerfeindlich eingestellt und/oder zeigt rechtsextremes Verhalten.
Spätestens hier gilt es, die Aussagekraft der statistischen Auswertung anzuzweifeln.

So ist die Unabhängigkeit der Studie, die sich eigentlich mit Jugendkriminalität beschäftigen soll, fragwürdig. Allein 15 der knapp 100 inhaltlichen Seiten beschäftigen sich ausschließlich mit Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, wohingegen elterliche und interfamiliäre Gewalt (die ja weitaus häufiger verbreitet ist) auf lediglich sieben Seiten behandelt wird. Dies zeigt, dass hier nicht ergebnisoffen diskutiert wird.
Stattdessen wird versucht, über Fragen nach der gewünschten Herkunft künftiger Nachbarn, möglichst viele Belege für die These der wachsenden Ausländerfeindlichkeit zu sammeln. Und siehe da: Die Mehrheit der befragten Deutschen bevorzugt deutsche Nachbarn. Auch Schweden und Italiener sind beliebt, Türken und Spätaussiedler aus Osteuropa hingegen nicht. Auch tauchen “dunkelhäutige Afrikaner” und “Juden” als eigene Gruppe in eben der selben Statistik auf. Schon in der Fragestellung wird also bewusst mit rassistischen Ressentiments gespielt. Dass mit Ausnahme des türkischen Nachbars alle Gruppen auf einer Skala von 1 bis 7 über dem Mittel von 4 liegen wird hingen in der schriftlichen Auswertung nicht ein einziges Mal erwähnt.
Stattdessen belegt eine weitere Statistik scheinbar die Ausländerfeindlichkeit der deutschen Jugend. Denn 57,2% stimmen der Aussage, “Die in Deutschland lebenden Ausländer sollten ihren Lebensstil besser an den Deutschen anpassen” eher zu.
Die Aussagekraft dieser Zahlen in Bezug auf Rechtsextremismus ist ähnlich fragwürdig, wie die in der Studie genannten Zahlen überhaupt. So soll rund jeder 25. Jugendliche im Alter von 15 Jahren Mitglied einer rechten Gruppierung sein und sogar rund jeder 20. Jugendliche schon einmal eine rechtsextreme Straftat begangen .

Nur vereinzelt regt sich Widerspruch. So beklagt Uta Rasche von der FAZ, dass

“Christian Pfeiffer, der PR-gewandte Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, [..] nicht so erfolgreich Drittmittel für sein überschaubares Haus einwerben [könnte], fände er in seinen Daten nicht doch einen Skandal: Demnach sollen genauso viele 15 Jahre alte Jungen rechtsextremen Gruppen angehören wie anderen politischen Parteien oder sozialen Organisationen zusammen. Hätte Pfeiffer auch Organisationen mitgezählt, in denen sich Jugendliche sonst engagieren – Sportvereine, Feuerwehren, kirchliche Jugendverbände –, sähe das Bild gleich viel heller aus.”

Auch Eberhard Seidel von der taz merkt an:

“Knapp 4 Prozent der 15-Jährigen seien Mitglied in rechtsextremen Gruppen oder Kameradschaften. [...] In absoluten Zahlen heißt das: 34.000 Jugendliche sind rechtsextrem organisiert. Sollten die Zahlen auch nur annähernd stimmen, dann hat Deutschland, allen voran das Innenministerium, ein Problem. Denn das Bundesamt für Verfassungsschutz geht in seinem jüngsten Bericht landesweit von rund 31.000 organisierten Rechtsextremisten in allen Altersgruppen aus. Kann es sein, dass mehr als 100 (!) Prozent der organisierten Rechtsextremisten im Land 15-Jährige sind? Wohl kaum. Deshalb lässt die Studie aus Hannover nur zwei Schlussfolgerungen zu. Entweder der Verfassungsschutz operiert seit Jahren mit viel zu niedrigen Zahlen, um das Problem des Rechtsextremismus zu verniedlichen. Das wäre ein innenpolitischer Skandal erster Güte, und Minister Wolfgang Schäuble hätte einiges zu erklären. Oder aber Pfeiffers Institut ist ein peinlicher Fehler unterlaufen, der medientauglich ist, aber die Lage im Land unnötig dramatisiert.”

Doch selbst wenn die Ergebnisse der Studie den Tatsachen entsprechen, gilt es Ursachenforschung zu betreiben. In diesem Fall hätte sich der oft nur verbal oder in Form von Gegendemos und Lichterketten geführte Kampf gegen Rechts nämlich als ebenso wirkungsschwach wie inhaltsleer entpuppt. Statt der betriebenen Stigmatisierung (speziell ostdeutscher) Jugendlicher bedarf es einem grundlegenden Strategiewechsel. Doch womöglich ist der vermeintliche Rechtsruck in erster Linie eines: Ein Spiel mit Zahlen.

Weitere Informationen
Pressemitteilung des BMI zur Veröffentlichung der Studie.
Download des Forschungsberichts (PDF, 2 MB)

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