Toleranzpreis für Erdogan?
Nach Medienberichten plant der Vorstand des Avicenna-Preis e.V. die Verleihung des “Avicenna-Preis” für interkulturelle Verständigung stellvertretend für die “Allianz der Zivilisationen” an den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Zur Begründung hieß es, die Organisation habe sich um “die Verständigung zwischen dem Westen und der islamischen Welt” verdient gemacht. Schirmherr des Preises ist der hessische Ministerpräsident Roland Koch.
Dieser verspätete Aprilscherz folgt nur knapp zwei Wochen auf den NATO-Gipfel, der durch die Türkei fast zur Blamage geworden wäre. So drohte die Kandidatur des Dänen Anders Fogh Rasmussen für den Posten des NATO-Generalsekretärs am Veto der Türkei zu scheitern. Hintergrund war Rasmussens Haltung zur Pressefreiheit im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen 2006. Erst nach massiven Zugeständnissen konnten die 27 anderen NATO-Mitglieder ihren dänischen Wunschkandidaten durchsetzen.
Erdogan, der in der Vergangenheit vor allem durch Attacken gegen Israel und der Forderung nach türkischen Schulen und Universitäten in Deutschland aufgefallen ist, forciert im eigenen Land zusammen mit Staatspräsident Abdullah Gül die schleichende Islamisierung. Außenpolitisch trägt er die Forderungen radikaler Moslems in Organisationen wie die NATO herein.
Entgegen der Zielsetzung des Preises – religiöse Barrieren zu überwinden und Extremismus zu bekämpfen – hat Erdogan mit seinem Wutausbruch in Davos und der stillschweigenden Tolerierung der Christenverfolgung in der Türkei Skepsis und Misstrauen eher verstärkt. Wer so wie Erdogan religiöse Empfindungen über demokratische Grundsätze wie die Pressefreiheit erhebt und die vollständige Integration der hier lebenden Türken als “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” bezeichnet, taugt wohl kaum als Vorbild für die Völkerverständigung. So sehr die “Allianz der Zivilisationen” den Preis womöglich verdient hat, Ihn stellvertretend an Erdogan zu verleihen ist ein komplett falsches Signal.
Führende Unionspolitiker wie der Fraktionsvorsitzende Bosbach sehen das ähnlich. Aber auch unter von den deutsch-türkischen Politikerinnen Lale Akgün (SPD) und Ekin Deligöz (B90/Grüne) kommt Kritik. Es ist wohl kaum damit zu rechnen, dass von der Nominierung noch Abstand genommen wird. Interessant wird lediglich, wie sich Roland Koch verhält. Ein Erscheinen würde wohl als Zuspruch, ein Fernbleiben als Ablehnung gewertet werden. Im Zweifelsfall kommt dann nur Zweites in Frage, will man Erdogan nicht auch noch Rückendeckung im Wahlkampf geben.
Aktualisierung: Inzwischen hat sich auch Roland Koch auf seiner Webseite geäußert.

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