Mit dem M41 nach Anatolien
Ich muss zugeben, bisher nicht viel von Neukölln gesehen zu haben. Mit der Ausnahme der unmittelbaren Umgebung einiger S- und U-Bahnhöfe und dem Fußweg zu zwei WGs kenne ich den Bezirk nicht. Daher beschränkten sich meine Eindrücke überwiegend auf die meist negative Berichterstattung in den Medien und die Witze von Kurt Krömer.
Nun hatte ich am Montag die Gelegenheit, mit der Buslinie M41 etwas weiter ins nördliche Neukölln hinein zu fahren, um einer frisch umgezogenen Freundin beim Aufbau ihrer schwedischen Möbel behilflich zu sein.
Die Eindrücke, die ich während der 15-minütigen Busfahrt vom S-Bahnhof Sonnenallee über den Herrmannplatz bis zum Südstern übertrafen meine schlimmsten Erwartungen. Man muss dazu sagen, dass ich im nördlichen Moabit an der direkten Grenze zum Wedding wohne, mir soziale Brennpunkte also durchaus bekannt sind. Doch gemessen am nördlichen Neukölln liegt meine von mir oft scherzhaft als Problemviertel bezeichnete Nachbarschaft definitiv auf der Sonnenseite.
Ganze Straßenzüge, die ausschließlich von arabischen oder türkisch-lateinischen Lettern geprägt sind. Automatencasinos, Konsolenspiele- und Handyläden, Antiktrödelgeschäfte, dazwischen ab und zu Dönerbuden oder libanesische Restaurants – welche vornehmlich an der grünen Zeder zu erkennen sind. Dazu vertraut wirkende Plakate großer Firmen, deren Botschaft bei genauerem Hinsehen zielgruppengerecht ausschließlich auf Türkisch übermittelt wird. Menschen anderer Herkunft – seien es nun Mitteleuropäer oder Schwarzafrikaner –sind im Straßenbild selten bis gar nicht zu erblicken. Der Busfahrer, mein Freund Tony und ich, sowie eine der äußeren Erscheinung nach alkoholabhängigen, älteren Frau in rosafarbener Jacke – alle anderen Fahrgäste sind augenscheinlich türkischer bzw. arabischer Herkunft. Während der Busfahrt steigen weitere mit Kopftüchern oder Niqabs bekleidete Frauen zu. Die Gespräche werden ausschließlich auf Türkisch geführt, Tony und ich sehen sprachlos aus dem Fenster.
Ein türkischer Mikrokosmos, mitten in Berlin. Monokultur statt Multikulti auf wenigen Quadratkilometern. Nach ein paar Minuten erreichen wir die Körtestraße, unsere Endhaltestelle. Die Kleintürkei liegt inzwischen hinter uns. Hier ist weniger hektisches Treiben auf den Straßen, stattdessen überwiegen grüne Parkanlagen. Wir sind auf einer Insel in der Insel.
Aktualisierung (auf Wunsch von Melske): Nur wenige Tage später führte mich eine Party erneut nach Neukölln. Diesmal wurden wir am Bahnhof gleich freundlich mit “Scheiß Deutsche Hurensöhne. Ich ficke eure Mutter” begrüßt. Da fühlt man sich gleich heimisch.
Aktualisierung 2: Da ich gerade drauf hingewiesen wurde: Mit M41 meine ich die Buslinie, und nicht den Amerikanischen Panzer oder das preußische Zündnadelgewehr.

8 Kommentare Einen eigenen Kommentar hinzufügen
Lieder Herr Ney,
danke für dieses kleine Goldstück. Vielleicht fügst du noch unsere neue lauthals schreiende “Bekanntschaft” vom S-Bahnhof hinzu. So wird man doch gerne begrüßt.
Küsschen
am 11. Mai 2009 um 07:47 Uhr
Mist
ich meinte natürlich LIEBER Herr Ney!
PS.: auch bei dir hat sich ein kleiner Rechtschreibfehler eingeschlichen …seien es nun Mitteleuropäer…
am 11. Mai 2009 um 07:52 Uhr
Danke liebe Frau Link. Ihr Wunsch wurde berücksichtigt und der kleine Fehler korregiert.
am 11. Mai 2009 um 14:29 Uhr
Hey Thomas, mein Tipp: fahr noch mal hin. Und noch einmal. Neukölln hat wirklich sehr viele schöne Ecken die Spaß machen und Dir genügend Gründe bieten würden diesen Teil von Berlin ein wenig lieb zu gewinnen. Ich mag zwar Deinen Text nicht, kann aber ein wenig nachvollziehen wie Leuten, die mit dem Bus an allem schnurstrachs vorbeifahren, solche Gedanken in den Sinn kommen. So einfach ist das aber nicht. Fahr’ ruhig noch mal hin. Schlendere an warmen Sommerabenden doch mal mit nem Kumpel vom Hermannplatz die Weserstraße runter… Das sollten alle mal machen; denn obwohl der Vorwurf, in Neukölln sei es nicht Multikulti, falsch ist, kann man sich ja ruhig selber ins Spiel bringen, stimmt’s?!
am 13. Mai 2009 um 21:10 Uhr
Ja, in der Tat hat Neukölln schöne Ecken. Nur Mittendrin haben sich unsere Mitmenschen mit Migrationshintergrund assimiliert und das ist schlimm…Hab hier noch einen ganz schönen Artikel gefunden, der leide die Wahrheit sagt!
http://www.neueordnung.net/index.php/neuigkeiten/123?task=view
am 14. Mai 2009 um 02:13 Uhr
@Norman (#4): Zunächst einmal möchte ich mich – auch wenn dir mein Beitrag nicht gefallen hat – für deinen sachlichen Kommentar bedanken.
Leider kann ich deinen Enthusiasmus nicht teilen. Ich gebe der Fairness halber jedoch zu, dass es sich bei besagter Busfahrt um eine 3-5km lange Strecke handelt, an dessen Anfang und Ende es durchaus noch Lichtblicke wie z.B. den Rest einer kulturellen Durchmischung gibt.
Daher bezogen sich meine Ausführungen auch nicht auf das gesamte Neukölln, sondern lediglich auf besagtes Gebiet im nördlichen Bezirk. Es wird mich schon mal wieder dort hin verschlagen – vielleicht auch zu Fuß. Doch was ich bisher gesehen habe, hat mich (wie man denke ich herausliest) mittelschwer erschüttert.
am 14. Mai 2009 um 06:59 Uhr
…übrigens habe ich fünf Jahre in Kreuzberg, Ecke Neukölln gewohnt und kenne den Kiez. Das ging ganz gut, für mich, da ich die Türkei aus beruflicher Perspektive ja gewohnt war. Aber die Probleme sind in der Tat nicht zu übersehen. Und mit der derzeitigen Politik auch nicht zu lösen. Man ist naiv, wenn man glaubt, dass für Ahmed-Normal-Müsliman die Ausbreitung der eigenen Kultur etwas anderes als ein Hineinnehmen in das Dar ul Islam bedeutet. Kann man nicht mal übel nehmen…
Danke also für den Beitrag.
MfG
magtec
am 10. Juni 2009 um 12:08 Uhr
Hallo,
in den letzten Jahren machte ein Begriff die Runde in der radikalen Linken: Gentrification.
Es geht um den Zuzug einkommenstärkerer Menschen, die zur Verdrängung armer Menschen führt. Dieser Prozess läuft häufig ähnlich ab. Billige Wohngegenden, häufig bewohnt von Menschen mit Migrationshintergrund ziehen Studenten und Künstler an. Diese machen das Viertel attraktiv, es entstehen Kneipen. Daraufhin ziehen Familien und Yuppies in die angesagten Kieze.
Dieser Prozess soll wie ein Naturgesetz ablaufen, nicht zu bekämpfen, dem Kapitalismus müssen sich schlussendlich alle Menschen beugen.
Aber hier wird Licht am Ende des Tunnels erkennbar. Ein verschrecktes Menschenkind ist abgeschreckt von einem Bus und sieht Menschen, die anders leben und sprechen.
Er schafft es nicht sich dort wohlzufühlen.
Dies gibt allen Menschen Hoffnung, die nicht wie er sowieso schon an das Gegebene verloren sind. Widerstand gegen Gentrifizierung ist möglich, es muss diesen Menschen einfach nur ungemütlich gemacht werden. Dann verpissen sie sich, verkriechen sich in ihren sauberen, rein deutschen, langweiligen, sicheren, erkalteten turbokapitalistischen Löchern.
am 9. September 2009 um 23:38 Uhr
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